Versicherung ist nur der Nutzen einer Vermögensreserve und kein Bruttoprodukt der Versicherungsunternehmen

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Auszug aus der Abhandlung

„Gedanken zur volkswirtschaftlichen Bedeutung des Versicherungswesens*"

Von Hans-Werner Sinn, München

veröffentlicht in ZVersWiss 1988, Band 77, S. 1

* Dieser Aufsatz vertieft Teile des Vortrages „die volkswirtschaftliche Bedeutung der Versicherung", den der Verfasser auf der Jahrestagung des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaften am 13. März 1987 in Mannheim gehalten hat.

Anmerkung:

Diese Abhandlung war ein „freundlicher" Versuch von Prof. Sinn, der Versicherungsbranche in ihrem damaligen Bestreben zu helfen, mit ihren Prämien-/Beitragseinnahmen als Bruttoproduktion in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) einzugehen und nicht nur mit der Summe der Dienstleistungsanteile der Prämien/Beiträge, die – mangels Preisangabe – geschätzt werden müssen (siehe Dokument VGR).

Leider erkennt Sinn nicht, dass er ständig – nur – über den Nutzen (!) der „riesigen Finanzierungsströme" spricht, die mit dem „Wert Null" durch den Versicherungssektor „durchgeleitet" werden, wobei die Versicherungsunternehmen – nur – Dienstleistungen erbringen (produzieren) und diese als „Wertschöpfung" und „Bruttoprodukt" erzeugen (siehe Dokument VGR). Der Dienstleistungserfolg sind die Finanzierungsströme aus Versichertengeld; deren Nutzen (!) ist „Versicherung" (wie „Mobilität" der Nutzen produzierter Autos ist, aber kein Produkt und keine Wertschöpfung der Autohersteller im Sinne der VGR).

I. Fehlinterpretationen der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Versicherung

I.3. Zur Messung der Versicherungsleistung

Angesichts der riesigen Finanzierungsströme, die durch den Versicherungssektor hindurchgeleitet werden, ist es erstaunlich, welch geringe Rolle die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung dem Versicherungssektor zuspricht. Ganze 1,2 % des Sozialprodukts soll dieser Sektor angeblich erzeugen.

Die Disparität zwischen Statistik und Intuition hat Anlass zu vielfältiger Kritik gegeben, die schließlich zu einem vielbeachteten Vorschlag des Volkswirtschaftlichen Ausschusses des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft geführt hat (Fn.7: GDV [1985]. Vgl. auch Reinhardt [1965], Hirshhorn und Geehan [1977], Lampert [1982] sowie den Beitrag von Biermann und Brinkmann ZVersWiss 1988 S. 29.) Im Kern deckt sich dieser Vorschlag, der Ausschuss nennt ihn „Gesamtleistungsrechnung", mit einem früheren Vorschlag van den Berghe’s (1981). Er besteht darin, statt der Wertschöpfung, wie sie in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ausgewiesen ist, auch jenen Teil der Prämien, der in die Versicherungsleistungen fließt, als Teil der volkswirtschaftlichen Leistung des Versicherungssektors anzusehen. (Fn. 8: Geringfügige Unterschiede ergeben sich insoweit, als der Ausschuss die gesamten Prämien als Ausdruck der Leistung des Versicherungssektors sieht, während Van den Berghe Vorleistungen abzieht. Im Jahr 1983 betrugen die Versicherungsleistungen und Deckungsrückstellungen des deutschen Versicherungswesens etwa 77 %, die Vorleistungen jedoch nur etwa 10 % des Beitragsvolumens. Siehe GDV [1985, S. 29].) Die Gesamtleistungsrechnung lässt den Beitrag des Versicherungssektors zum Sozialprodukt auf immerhin 7 % hochschnellen (Fn. 9: Vgl. GDV [1985, S. 30] oder Schwebler [1985].)…

Das Wesenselement der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist es, die Wertschöpfungsbeiträge der Sektoren zusammenzuzählen. Die Wertschöpfung eines Sektors ist definiert als die in diesem Sektor verdiente Prämienfaktorentlohnung zuzüglich des dort erwirtschafteten ökonomischen Reingewinns, also als Summe aus Löhnen, Gehältern, Fremdkapitalzinsen sowie einbehaltenen und ausgeschütteten Betriebsgewinnen. …

II. Die beiden Hauptfunktionen der Versicherung

Der zweite Teil des Aufsatzes analysiert die zwei Hauptfunktionen der Versicherung, nämlich die Produktion von Sicherheit und die Erhöhung der Wagnisbereitschaft. Beide Funktionen sind im Prinzip bekannt, aber über die Rolle der zweiten scheint doch erhebliche Unklarheit zu bestehen.

Die Analyse geht von einer idealen Versicherung aus, die keine Vorleistungen verbraucht und deren Beitrag zum Sozialprodukt nach herkömmlicher Rechnung den Wert Null hat. Anhand einer solchen Versicherung lässt sich die Bedeutung des Versicherungswesens besonders gut veranschaulichen.

II.1. Die Produktion von Sicherheit

Selbstverständlich besteht eine Hauptfunktion des Versicherungswesens in der Produktion von Sicherheit. Die ideale Versicherung tauscht Wahrscheinlichkeitsverteilungen des individuellen Einkommens oder Vermögens gegen sichere Beiträge von der Höhe der mathematischen Erwartungen der Verteilungen ein. Diese Funktion ist nützlich, weil Menschen eine Abneigung gegen Ungewissheit haben. …

… Das Bedürfnis nach Sicherheit ist eines der fundamentalen Kennzeichen der menschlichen Präferenz, und die Existenz des Versicherungssektors leitet sich aus der Aufgabe ab, es zu befriedigen. …

… II.2. Die Erhöhung der Wagnisbereitschaft

So wichtig die reine Produktion von Sicherheit ist: die Versicherung bloß als Institution zur Befriedigung eines spezifischen Konsumbedürfnisses zu sehen, ließe ihre Rolle bei der Bereitstellung eines zentralen ökonomischen Produktionsfaktors zu übersehen. Dieser Produktionsfaktor heißt Risiko. Er ist einem naiven Verständnis weniger gut zugänglich als die bekannten Faktoren Arbeit oder Kapital. (Fn 16: Wie wenig hilfreich das naive, im Kern physiokratische, Verständnis eines Produktionsfaktors ist, das unter Laien nicht ausrottbar zu sein scheint, zeigt sich sehr deutlich, wenn man den Begriff Kapital durch den früher üblichen Begriff „Warten" ersetzt. Dass das „Warten" auf Produktion produktiv sei, ist eine Aussage, die vordergründig genau so unplausibel ist wie die Aussage, die Erdulgung von Risiko sei produktiv.) …

… Die Wahl einer Entscheidungsalternative im Bereich der positiven Beziehung zwischen Risiko und erwartetem Ertrag ist zugleich der Grund für die produktivitätsfördernde Wirkung der Versicherung.

Ohne ein funktionierendes Versicherungswesen oder ähnliche Risikokonsolidierungsmechanismen könnte die moderne Industriegesellschaft nicht existieren. … Anmerkung: Ohne viele andere Dinge auch nicht (Strom, Wasser, Transportmittel…)

… II.3. Versicherung, Sicherheit und Schadenverhütung

Jede Wissenschaft hat ihre insgeheimen Dogmen, und ein Dogma der Versicherungswissenschaft scheint es zu sein, dass Versicherung Sicherheit schafft.

… Billiger Versicherungsschutz ersetzt teure Schadenverhütungsaufwendungen.

Beispiele für diesen Effekt gibt es in großer Zahl. So leuchtet es ein, dass der Vorteil einer Direktversicherung nicht nur in der bloßen Schutzfunktion liegt, sondern auch darin, dass sie es ermöglicht, einen Teil der sonst nötigen Ausgaben für Alarmsysteme und Wächter einzusparen. …

Schlussbemerkungen

Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Versicherungswesens kann man nicht an der Höhe ihrer Prämieneinnahmen und schon gar nicht an der Höhe der dort verdienten Einkommen erkennen. …

... die Erhöhung der Wagnisbereitschaft ist sicher keine untergeordnete Funktion, sie ist vielleicht sogar die Hauptfunktion des Versicherungswesens. …

… Immerhin zeigt aber die historische Perspektive, aus der die Rolle des Versicherungswesens in diesem Aufsatz gesehen wurde, einige zentrale Effekte mit größerer Klarheit.

Zu diesen Effekten gehört die versicherungsinduzierte Verminderung der Schadenverhütungsaufwendungen. Hoffentlich getraut sich die Versicherungsindustrie in Zukunft, sie als volkswirtschaftlichen Vorteil zu preisen.

Letztlich muss aus volkswirtschaftlicher Sicht die Versicherung als Institution zur Bereitstellung eines knappen, elementaren Produktionsfaktors gesehen werden. Güterproduktion fügt Menschen Arbeitsleid zu, zwingt sie durch Kapitalverwendung zum Warten auf Konsum und lädt Risiken auf ihren Schultern ab. Alle drei Nachteile sind unerlässliche Begleiterscheinungen der modernen Industrieproduktion. Wir sollten es wagen, nicht nur die beiden erstgenannten durch die Verwendung des Begriffes „Produktionsfaktor" zu adeln. Der dritte erduldete Nachteil verdient dasselbe Prädikat. Versicherungen ermöglichen bei gegebener Last des vom einzelnen zu tragenden Risikos eine gewaltige Vermehrung jeder Risiken, die im industriellen Produktionsprozess entstehen dürfen. Dadurch haben sie maßgeblich zum Wohlstand unserer Welt beigetragen, und vielleicht war dies wichtiger als die bloße Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses."

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Anmerkung: Versicherung ist nur der Nutzen einer Vermögensreserve und kein Bruttoprodukt der VU – wie Mobilität der Nutzen eines Fahrzeugs ist und kein Produkt der Automobilindustrie.

Anders sehen das ein Herr Kaulbach, Leiter der Abteilung Verbraucherschutz im BaFin, und Prof. Karten, emeritierter Versicherungsbetriebswirtschaftswissenschaftler der Universität Hamburg. Kaulbach schreibt zur Vertragsstruktur eines Versicherungsvertrages, diese sei „von ähnlicher Schlichtheit wie die eines Kaufvertrages, den ich auf dem Markt über ein Kilo Äpfel abschließe.” (in Lebensversicherung und Geschäftsbesorgung, Hamburger Reihe, A, Heft 94, 1998). Prof. Karten vertritt in der Festschrift für Günter Schmidt (Neue Wege des Versicherungsmanagements, 1997Seite 75, 76) die Meinung, der Verkauf von Versicherungsschutz gegen die Prämie als Preis sei nichts anderes als der „Verkauf von Kartoffeln”, wirft dann aber den Politikern mit einer erstaunlichen Begründung „Unverfrorenheit” vor:

„Die Versicherungssteuer wird fälschlich auf die Gesamtprämie und nicht auf den darin enthaltenen ,Mehrwert’ berechnet. In volkswirtschaftlicher Betrachtung sind die Versicherungsleistungen stochastische Transferzahlungen, und nur die darüber hinausgehenden Prämien sind das Äquivalent für den Produktionswert und fließen in das Sozialprodukt ein.”

Siehe auch:
Versicherung aus ökonomischer und ermittlungsrechtlicher Sicht (VersWissStud Bd. 5)

100 Jahre Aufsicht-Versagen: Versicherung in Volkswirtschaftl. Gesamtrechnung

Statist. Bundesamt 8/04: Volkswirtschaftl. Gesamtrechnungen, wichtige Zusammenhänge (PDF)

Prof. Straubhaar: Vers.Steuer auf Gesamtprämie finanzwissenschaftlich nicht zu begründen

Stellungnahme Juni 2006 zu Reformforderungen des BVerfG und VVG-Referentenentwurf

Zitate Karten und Kaulbach