Skandal um Versicherer AIG
weitet sich aus
Quelle:
Artikel erschienen am Fr, 1. April 2005
Bilanzfälschung zugegeben - Börsenwert um rund
40 Milliarden Dollar gesunken - Warren Buffett muß aussagen
von Hannelore Crolly
Berlin - In New York
zeichnet sich ein Bilanzfälschungsskandal von Milliardendimensionen ab: Der
weltgrößte Versicherer nach Börsenwert, die American International Group (AIG),
hat erstmals Unregelmäßigkeiten in den Büchern eingestanden und die
Bilanzvorlage um vier Wochen verschoben. AIG soll die Reserven durch fragwürdige
Transaktionen künstlich erhöht haben.
Das Finanzgebaren des
Versicherungsgiganten wird seit Mitte Februar von der Börsenaufsicht SEC, dem
Justizministerium und dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer
untersucht. Besonders prekär: Wie das Management der AIG jetzt zugab, hat es
unter anderem im Jahr 2000 und 2001 einige zweifelhafte Transaktionen mit dem
Rückversicherer General Re gegeben. Damit wird der Börsenmilliardär Warren
Buffett in den AIG-Skandal hineingezogen: General Re gehört zu Buffetts
Anlageimperium Berkshire Hathaway.
Der Multimilliardär hat
bereits weit von sich gewiesen, über die Vorgänge informiert gewesen zu sein.
Auch Staatsanwalt Spitzer betont, Buffett werde als Zeuge und nicht als
potentieller Betrüger betrachtet. Allerdings muß der Milliardär aus Omaha noch
in diesem Monat im Büro der Ermittler zum Verhör antreten.
Die AIG hatte von den
Ermittlungsbehörden einen zweiwöchigen Aufschub bekommen, um ihren
Geschäftsbericht zum Ende März vorzulegen. Doch auch diesen Termin konnte das
Management nicht einhalten. Denn offenbar hat die AIG mehr Leichen im Keller als
gedacht. Neben den Geschäften mit General Re tauchten weitere fragwürdige
Vorgänge auf, die schon bis zu 14 Jahre zurückliegen. Beobachter befürchten, daß
ein Skandal im Ausmaß von Enron oder Worldcom auffliegen könnte. Der langjährige
AIG-Chef Maurice "Hank" Greenberg, der den Konzern fast 38 Jahre lang geführt
hatte, mußte bereits seinen Hut nehmen. Am 12. April muß er zu Staatsanwalt
Spitzer. Insgesamt müssen rund ein Dutzend Manager von AIG aussagen. Zwei
ehemalige Top-Leute, die angekündigt hatten, ihre Aussage verweigern zu wollen,
wurden gefeuert.
Das neue Management bemüht
sich unterdessen eifrig um Schadensbegrenzung: Nach bisheriger Einschätzung sei
im schlimmsten Fall eine Berichtigung des Unternehmenswert nach unten um 1,7
Mrd. Dollar oder zwei Prozent notwendig, hieß es. Das "Wall Street Journal"
hatte zuvor mit Verweis auf informierte Kreise berichtet, die fälligen
Bilanzkorrekturen könnten sich auf bis zu drei Mrd. Dollar summieren. Interne
Ermittler hätten 60 problematische Transaktionen aufgedeckt.
Im Kern geht es im Fall
General Re um den Verdacht, daß Transaktionen als Versicherungen gebucht wurden,
die eigentlich als Kredite hätten ausgewiesen sein müssen, weil gar kein echtes
Risiko an General Re weitergegeben wurde. Das habe die Reserven der AIG
unrechtmäßig um eine halbe Mrd. Dollar aufgepolstert, vermuten die Behörden.
Probleme gibt es überdies im Zusammenhang mit kleineren Firmen wie dem
karibischen Rückversicherer Union Express Reinsurance. AIG war offenbar der
einzige Geschäftskunde von Union Express. Also hätte das Unternehmen, das als
selbständig behandelt wurde, eigentlich als Konzerntochter konsolidiert werden
müssen. Bei anderen Firmen soll es ähnlich gewesen sein. Deshalb stünden auch
hier Bilanzkorrekturen an, berichten US-Medien. AIG will die Zahlen für 2004 nun
bis Ende April vorlegen. In der neuen Bilanz sei eine Ergebnisbelastung von 670
Mio. Dollar aus dem allgemeinen Versicherungsgeschäft enthalten, kündigte der
neue Konzernchef Martin Sullivan vorsorglich an. Er bemüht sich intensiv um das
Vertrauen der Investoren. Seit Februar ist der Börsenwert von AIG um über 40
Mrd. Dollar geschrumpft.
Siehe auch:
Auszug aus
"Das Versicherungs(un)wesen, eine Branche jenseits von Recht und Wettbewerb"
Veruntreuung von Versichertengeld auf dem
Verschiebebahnhof Rückversicherung
Auf unserer Wanderung durch die Gewinn- und Verlustrechnungen
einer Versicherungs-Aktiengesellschaft kommen wir zu Positionen, die sich mit
der Rückversicherung befassen. Auch diese helfen bei der Veruntreuung von
Versichertengeld und Prämienüberschüssen. DER SPIEGEL schrieb schon im Jahre
1981: "Die Versicherer wissen, wie sie ihre Gewinne optisch verringern können, um
sie nicht ausschütten zu müssen. So täuschen sie beispielsweise durch
überdimensionierte Rückversicherungsverträge hohe Kosten vor, verlagern in
Wirklichkeit aber Gewinne auf eine andere Konzerngesellschaft. Solche 'Wege zu
Gewinnverlagerungen' sind der Aufsichtsbehörde seit langem bekannt. Bisher sei
es jedoch nicht gelungen, 'hier geordnete Verhältnisse zu schaffen'."
Eine Rückversicherung ist die Versicherung von
Versicherungsunternehmen. Dort rückversichern sich die Gesellschaften gegen
"Überschäden". Sie zahlen dafür einen Beitrag und erhalten dann zum Beispiel bei
besonders großen Versicherungsfällen einen vereinbarten Teil der Schadenssumme
vom Rückversicherungsunternehmen ersetzt. Sie erhalten aber auch
Rückversicherungsprovisionen. Und hier funktioniert außerdem das ganz
hervorragend, was zwischen Versicherungsunternehmen und Privatkunden nicht
funktioniert: die Rückerstattung unverbrauchter Prämien.
Im Bereich der Lebens-, Kranken- und
Kraftfahrt-Haftpflichtversicherung ist die Rückerstattung von
Prämienüberschüssen an die Versicherten vertraglich geregelt. Die Gesellschaften
können aber diese Beitragsrückerstattung leicht umgehen oder zumindest
manipulieren. Die Zeitschrift "Capital" beschreibt im Januar 1984, wie das geht:
"Taschenspielerei - Autofahrer müssen derzeit zu hohe Haftpflichtprämien zahlen.
Mit diesem Geld subventioniert die Assekuranz die Feuerpolicen der
Großindustrie: ein diskreter und auf verschlungenen Wegen gemanagter
Vermögenstransfer. Machen die Gesellschaften bei den vom Staat genehmigten
Haftpflichtprämien mehr als drei Prozent Gewinn, müssen sie den Überschuss laut
Vorschrift als Beitragsrückerstattung den Kunden vergüten. Damit will der Staat
die Autofahrer vor ungerechtfertigt hohen Prämien schützen. Ein lobenswerter
Vorsatz. Doch die Assekuranz hat ihn inzwischen durchlöchert. Als die
Autoversicherer in den letzten Jahren hohe Gewinne verbuchten, mochten nicht
alle Gesellschaften den vollen Überschuss in den Bilanzen vorzeigen. Um die
Gewinne zu verlagern, bedienten sie sich einer Art Taschenspielertrick, der nur
mit Hilfe der sogenannten Rückversicherer funktioniert."
Und so können die Unternehmen - grob dargestellt - tricksen:
Sie vereinbaren mit einer - meist demselben Konzern zugehörigen -
Rückversicherungs-Gesellschaft, dass diese sich mit bestimmten Quoten am Verlauf
der Autohaftpflichtversicherung beteiligt, also auch an den Überschüssen. Die
Rückversicherungs-Gesellschaften sind aber nicht gegenüber den Autofahrern zur
Beitragsrückerstattung verpflichtet, stecken also alle Überschüsse von weit über
drei Prozent der Prämien als Gewinne ein. Der Grund dieser Schiebungen ist eine
stille Übereinkunft, dass dieses als Ausgleich für weniger gewinnträchtig
verlaufende Rückversicherungsverträge geschieht, wie zum Beispiel Verträge zur
industriellen Feuerversicherung. Oder es erfolgt ein Ausgleich über
Rückversicherungsprovisionen oder Gewinnbeteiligungen - oft in ganz anderen
Bereichen. Nur so lässt sich übrigens erklären, dass viele Gesellschaften den
größten Teil ihrer Prämien an Rückversicherer abführen. Und das oft in
Bereichen, wo eine Rückversicherung völlig überflüssig ist, weil die
Versichertengemeinschaften groß genug sind, um die - meist geringen - Risiken
selbst abzudecken.