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Ein Versicherungsmathematiker packt aus über die Veruntreuung von Versichertengeld in der Gewinn- und Verlustrechnung |
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Auszug aus "Das Versicherungs(un)wesen - eine Branche jenseits von Recht und Wettbewerb", ab Seite 91
Der Manipulation, dem Missbrauch und Untreue sind Tür und Tor geöffnet Nur weil Versicherungsprämien fälschlicherweise als Umsatz angesehen werden, ist das schon mehrfach erwähnte „Saldieren von Verlusten zu Lasten der Versicherten“ möglich. Nur weil Treuhandgelder - als solche nicht identifizierbar - wie Umsatz in die Rechnungslegung eingehen, eröffnen sich den Gesellschaften die vielen Möglichkeiten der Manipulation, des Mißbrauchs und der Veruntreuung von Überschüssen, die aus den Versicherungs- und Sparanteilen der Prämien entstehen. Hierzu ein Branchenexperte in einem Gespräch mit dem Journalisten Dieter Kampe, über dessen Bericht in der Zeitschrift „Transatlantik“ man schmunzeln könnte, wenn die Offenbarungen nicht so erschreckend wären: „Den Abgrund von Zahlenschieberei erläuterte mir Karl Upphoff, der bei einer der großen Versicherungsgesellschaften als Mathematiker arbeitet (und weil er das auch weiterhin möchte, sei ihm hier gestattet, unter einem Künstlernamen aufzutreten). Karl ist seit acht Jahren im Geschäft und wundert sich schon seit langem über gar nichts mehr. Stories könne er mir erzählen, hatte er mal gesagt. Jetzt durfte er loslegen, mir fehlten noch etliche Mosaiksteinchen für das Kolossalgemälde. 'Jedes Unternehmen', beginnt er, 'muß dem Bundesaufsichtsamt regelmäßig Geschäftsdaten liefern. Die wollen sehen, ob da alles so läuft, daß wir nicht eines Tages im Hemd dastehen und den Kunden nichts mehr auszahlen können. Und dann natürlich die Gewinne, das ist die andere Seite. Bei Leben müssen ja mindestens 90 Prozent der Überschüsse ausgeschüttet werden. Wollen sie halt wissen, ob das auch geschieht.' Und geschieht das? Er grinst. 'Glaubst du ans Christkind? Natürlich steht das auf dem Papier, daß die Firma irgendwas über 90 Prozent ausschüttet - aber 90 Prozent von was? Da hat der liebe Gott noch ein paar Rechner davorgestellt, ehe das entschieden wird! Das Amt guckt, ob die Überschüsse nicht in Wahrheit höher sind. Deshalb läßt es sich vorrechnen, wie die Gewinne entstehen, wie sich Verwaltungskosten und Abschlußkosten entwickeln und so. Kriegen sie auch alles, aber erst nach reichlicher Sichtung und Bearbeitung. Daran knackt die mathematische Abteilung. Wir drehen und wenden das so lange, bis es dem Vorstand genehm ist.' Manipulation, Zauberei oder Fälschung? - 'Nix da, alles ganz reell, wir halten uns ganz streng an die Vorschriften und die genehmigten Schlüssel vom Aufsichtsamt. Wir nutzen nur die Spielräume.' - Was für Schlüssel, welche Spielräume? - 'Wenn wir die Daten über die Gewinne aus Kapitalanlagen reinkriegen, dann sind das ja Gesamtergebnisse, ohne daß dabei genau erkennbar ist, welche Kapitalanlage aus den Beiträgen welcher Versicherungssparte stammt. Will man die Gewinne den einzelnen Geschäftsbereichen zuordnen, braucht man einen Schlüssel. Das sind riesige mathematische Formeln, die schon vorher mit dem Geschäftsplan vom Aufsichtsamt genehmigt wurden. Und streng nach diesen Schlüsseln berechnen wir die Überschüsse pro Sparte.' - Wo liegt der Clou? - 'Die Schlüssel sind schon so angelegt, daß große Teile der Gewinne auf Sparten umgelenkt werden können, wo nicht ausgeschüttet werden muß. Das ist aber nur der erste Schritt. Schlüssel gibt's auch für die Zurechnung der Verwaltungs- und Abschlußkosten auf die jeweiligen Sparten. Da kann man die Kosten natürlich hauptsächlich da ansiedeln, wo's den Überschuß drückt. Auch die Werbungskosten, was wir Wettbewerbskosten nennen, die die Firma insgesamt ausgibt, können dort belastend geltend gemacht werden, so's was bringt.' Spielraum ist also vorhanden, wie wird er genutzt? - 'Letztes Jahr haben wir die Gewinn- und Verlustrechnung für die ... gemacht, kriegten wir 500.000 Mark Überschuß raus. Hat der Finanzvorstand 'nen Tobsuchtsanfall gekriegt. Wollte er eben nicht haben. Hätten ja 90 Prozent in die Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen gehen müssen. Haben wir also die Ochsentour noch mal gemacht. Und siehe da, mit denselben Schlüsseln sind wir auf 1,2 Millionen Verlust gekommen. Mathematisch war beides richtig, aber erwünscht war eben nur das eine Ergebnis. Er gab dann noch ein kurzes Zwischenspiel, weil der Verkaufstyp aus dem Vorstand reinschneite und rumbrüllte, wir sollten den Scheiß noch mal machen, das könne doch nicht sein, da müsse doch zumindest etwas Gewinn rauszuholen sein. Der will ja gut dastehen, um besser verkaufen zu können. War aber nichts zu holen, die Mathematikabteilung untersteht nun mal dem Finanzvorstand.' - Und das Aufsichtsamt hat das geschluckt? - 'Wir sind doch keine Anfänger. Wenn die großen Entwicklungslinien passen, sind die schon zufrieden.' - Seiner Mimik nach ist das Aufsichtsamt kein ernstzunehmender Gegner. - 'Die sind doch einfach überfordert. Weißt du, wie die Brocken aussehen, die wir denen auf den Tisch legen? Das sind 100 bis 150 Seiten randvoll mit Zahlen und Formeln; da hat bei uns ein Team von vier Leuten zwei Monate dran geackert, hat das vorwärts und rückwärts gerechnet', er stockt kurz, lacht auf und sagt: 'Vor allem natürlich rückwärts, vom Ergebnis nach vorn! Jedenfalls kennen wir den Kram dann aus dem Effeff, die einzelnen Posten, mit denen die Schlüssel gefüllt werden. Und da gibt's eben Interpretationsmöglichkeiten, Gewichtungsspielraum, Verschiebemöglichkeiten. Und da sitzt dann in Berlin beim Aufsichtsamt ein Typ, der soll das in ein paar Tagen checken. Die kriegen doch Hunderte solcher Zahlenwälzer auf den Tisch, die haben da doch gar nicht die Möglichkeit, richtig einzusteigen.' - Karl entwickelt da einen Stolz, den ich schlecht nachvollziehen kann: Wettkämpfe zwischen Zahlenfreaks. Fazit ist, daß mehr Kapital in den Versicherungsunternehmen bleibt, als den Kunden lieb ist, als das Amt erlaubt und als die Statistik ausweist. Was machen die Firmen damit? - 'Fressen werden sie's sicher nicht', meint Karl. Das ist nicht mehr sein Bier. Aber trotzdem eine offene Frage.“ Im Grunde sind in diesem Interview alle Betrügereien und Manipulationen bis hin zum objektiven Tatbestand der Untreue angesprochen. Im folgenden sollen sie aber ganz konkret dargestellt werden. So beschreibt die Zeitschrift „Capital“ im Oktober 1984, wie Versicherungsunternehmen sich weigern, wichtige Daten zu nennen: „Was Geschäftsberichte einzelner Versicherer in diesem Jahr ans Tageslicht brachten, ist ein Skandal. In ihren Geschäftsberichten veröffentlichen die Lebensversicherer einen Wust von Zahlen. Drei wichtige Angaben aber verschweigen sie hartnäckig, obgleich die Gesellschaften nach den Vorschriften verpflichtet sind, sie aufzuführen. Die Vorstände ließen sich von ihrer Verschwiegenheit auch nicht durch eine Rüge der Aufsicht abbringen. Sie schrieb schon Ende 1979: 'Bei Durchsicht der Jahresberichte war in den letzten Jahren häufig zu beanstanden, daß im Bericht über den Einfluß der wesentlichen Gewinn- und Verlustquellen auf das Bilanzergebnis ausreichende Angaben fehlten.' Die Aufsichtsbehörde ist nicht in der Lage, die verordneten Vorschriften über die Publizität durchzusetzen. Angaben über die Einzelergebnisse verweigern die Gesellschaften.“ - Und im Oktober 1978 schrieb Capital: „Die Abrechnungen werden so gestaltet, daß viele gar nicht merken, wie die Versicherungen sich an ihrem Geld bereichern.“ Veruntreuung von Erträgen aus Kapitalanlagen - Milliardenverluste für die Versicherten Gehen wir weiter in der Gewinn- und Verlustrechnnung einer Versicherungs-Aktiengesellschaft, dann kommen wir zu der nächsten Position: „Erträge aus Kapitalanlagen“. Erträge aus Kapitalanlagen sind zunächst einmal Mieteinnahmen aus Grundbesitz, aber vor allem Erträge aus Beteiligungen und Zinsen oder Dividenden aus anderen Geldanlagen. Wie sagte unser Bilanzexperte Karl Upphoff: „Wenn wir die Daten über die Gewinne aus Kapitalanlagen reinkriegen, dann sind das ja Gesamtergebnisse, ohne daß dabei genau erkennbar ist, welche Kapitalanlage aus den Beiträgen welcher Versicherungssparte stammt. Will man die Gewinne den einzelnen Geschäftsbereichen zuordnen, braucht man einen Schlüssel. Die Schlüssel sind so angelegt, daß große Teile der Gewinne auf Sparten umgelenkt werden können, wo nicht ausgeschüttet werden muß.“ Wenn die einzelnen Prämienbestandteile „Versicherungs-, Spar- und Dienstleistungsanteile“ vermengt in die Gewinn- und Verlustrechnung eingehen, dann ist natürlich auch nicht erkennbar, welche Erträge aus angelegtem Versichertengeld und welche aus angelegtem Aktionärsgeld stammen. Und so öffnet gerade diese Position „Erträge aus Kapitalanlagen“ den Aktiengesellschaften Tür und Tor für die Veruntreuung von Überschüssen aus anvertrautem Versichertengeld. Betrug und Untreue bei den Aufwendungen für Beitragsrückerstattung - Milliardenverluste der Versicherten Weiter in der Gewinn- und Verlustrechnung. Auch zur Position „Aufwendungen für Beitragsrückerstattung“ ist festzustellen, daß es sich nicht um Kosten des Unternehmens handelt, wenn Versicherte Prämienüberschüsse zurückerhalten oder Zuführungen zu entsprechenden Rückstellungen gemacht werden. Statt als Kosten müßten Beitragsrückerstattungen wie Auszahlungen aus einem treuhänderisch verwalteten Sondervermögen verbucht werden. Die Beitragsrückerstattung ist merkwürdigerweise nicht bei allen Versicherungsarten, sondern nur bei Lebens-, Kranken- und Kfz-Haftpflichtversicherungen vorgeschrieben. Aber auch hier kann viel manipuliert werden. Wie sagte noch unser Bilanzfriseur Karl Upphoff in seinem oben wiedergegebenen Interview: Bei der Lebensversicherung müßten ja mindestens 90 Prozent der Überschüsse ausgeschüttet werden. - Und geschieht das? - Upphoff grinste: „Glaubst du ans Christkind? Natürlich steht das auf dem Papier, daß die Firma irgendwas über 90 Prozent ausschüttet - aber 90 Prozent von was? Da hat der liebe Gott noch ein paar Rechner davorgestellt, ehe das entschieden wird!“ - Und Karl Upphoff offenbart dann auch, daß hier „vorwärts und rückwärts gerechnet wird, vor allem natürlich rückwärts, vom Ergebnis nach vorn!“ - Das „Rückwärtsrechnen, vom Ergebnis nach vorn“ ist der springende Punkt der Beitragsrückerstattungen, die aus Prämienüberschüssen entstehen. Zuerst bestimmt der Unternehmensvorstand nämlich, inwieweit die Überschüsse aus dem Versicherungs- und Sparbereich zum Ausgleich von Verlusten im Dienstleistungsbereich herangezogen werden sollen und wieviel Gewinne die Gesellschaft aus den restlichen Überschüssen beschließen will. Und erst dann wird der Überschuß-Rest den Rückstellungen für die Beitragsrückerstattung zugewiesen. Und dort wird das Versichertengeld so lange wie möglich behalten, damit es weitere Erträge bringt und über alles Geld weiterhin quasi beliebig verfügt werden kann. So schrieb die Zeitschrift „Capital“ im Januar 1986: „Es gibt zwei Möglichkeiten der Manipulation: Auf heute fällige Verträge wird zuwenig gezahlt, zu hohe Versprechungen für diejenigen, die neu abschließen. So ist das System nun einmal angelegt. Schwindel dieser Art ist erlaubt.“ Trotz mannigfacher Veruntreuung – im Jahresüberschuss erscheint ein Rest vom Versichertengeld Das Endergebnis einer jeden Gewinn- und Verlustrechnung ist der Jahresüberschuß, über dessen Verwendung bei einer Aktiengesellschaft der Vorstand entscheidet und die Aktionärsversammlung entsprechend beschließt. Vorher werden aber noch einige Proberechnungen durchgeführt. Hierzu noch einmal unser Bilanzexperte Upphoff: „Das sind 100 bis 150 Seiten randvoll mit Zahlen und Formeln; da hat bei uns ein Team von vier Leuten zwei Monate dran geackert. Wir drehen und wenden das so lange, bis es dem Vorstand genehm ist. Letztes Jahr haben wir die Gewinn- und Verlustrechnung gemacht, kriegten wir 'nen Überschuß raus. Hat der Finanzvorstand 'nen Tobsuchtsanfall gekriegt. Wollte er eben nicht haben. Hätten ja 90 Prozent in die Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen gehen müssen. Haben wir also die Ochsentour noch mal gemacht. Und siehe da, mit denselben Schlüsseln sind wir auf einen Verlust gekommen. Mathematisch war beides richtig, aber erwünscht war eben nur das eine Ergebnis. Wir nutzen nur die Spielräume.“ - Und dann das Bekenntnis des Bilanz-Friseurs: „Da wird vorwärts und rückwärts gerechnet, vor allem natürlich rückwärts, vom Ergebnis nach vorn !“ - Also sind die Geschäftsergebnisse von Versicherungsgesellschaften - weitaus mehr als bei anderen Unternehmen - nicht nur ein einfaches Rechenergebnis, sondern schlichte Manipulation. Schon bei den Proberechnungen während des Geschäftsjahres wird laufend geprüft, ob und wo man noch Kosten machen oder wohin man sie verschieben soll, ob und wie man Versichertengeld wo verschwinden lassen kann, oder ob und wie man Versichertengeld aus stillen Reserven wieder hervorzaubern kann, um Verluste auszugleichen oder Gewinne zu finanzieren. Und vor allem: ob und wohin man Überschüsse aus bestimmten Sparten verschieben soll. Am Jahresende wird dann noch einmal geprüft, ob und inwieweit die Position Aufwendungen für Versicherungsfälle durch Schadenreserven frisiert werden muß. Und dann geht das große Verteilen los. So viel wie möglich an die Aktionäre. Da wird überschüssiges Versichertengeld in Rücklagen eingestellt, die später - per Vorstandsbeschluß - zur Aufstockung des Eigenkapitals verwendet werden. Man nennt das „Selbstfinanzierung des Eigenkapitals aus Gesellschaftsmitteln“. So schrieb das Handelsblattt im Jahre 1982: „Die Hauptversammlung der Nürnberger Leben beschloß eine Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln um zwei auf acht Millionen Mark. Damit wurde seit 1961 das Kapital ohne Zuzahlung der Aktionäre verachtfacht.“ - Ein tolles Geschäft für die Aktionäre, die Gratisaktien erhielten. Das Handelsblatt meldete aber im Jahre 1983 auch Bedenken an: „Die Eigenkapitalbildung erfolgt bei den Lebensversicherungsunternehmen in der Regel aus dem Überschuß des Geschäftsjahres. Dieser ist jedoch untrennbar mit den Erträgen aus der Anlage der Spargelder verbunden und soll deshalb nach den Vorstellungen der Versicherungsaufsicht zu möglichst großen Teilen an die Versicherten ausgeschüttet werden.“ - Tatsächlich widerspricht die Umwandlung von Versichertengeld in Rücklagen, Gesellschaftsmittel und Eigenkapital der Auffassung all derer, die meinen, daß die Überschüsse aus den Versicherungsprämien möglichst ungeschmälert den Versicherten zugute kommen müßten. Siehe auch: |